{"id":8903,"date":"2021-07-15T08:40:49","date_gmt":"2021-07-15T08:40:49","guid":{"rendered":"https:\/\/baptisten-waldshut.de\/?page_id=8903"},"modified":"2021-07-15T08:45:06","modified_gmt":"2021-07-15T08:45:06","slug":"balthasar-hubmaier","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/baptisten-waldshut.de\/index.php\/balthasar-hubmaier\/","title":{"rendered":"Balthasar Hubmaier"},"content":{"rendered":"\n<h6 class=\"wp-block-heading\"><em><span style=\"color:#73c922\" class=\"has-inline-color\">Verfasst von Wolfgang Burk, Pastor i.R.<\/span><\/em><\/h6>\n\n\n\n<p>Die Einf\u00fchrung der Reformation in Waldshut ist unl\u00f6sbar mit Balthasar Hubmaier, dem einst katholischen Pfarrer an der Oberen Kirche verbunden. Etwa im gleichen Alter wie Luther und Zwingli hatte er bereits eine beachtliche Karriere hinter sich, als er, 35 Jahre alt, nach Waldshut kam. Geboren wurde er um 1485 in Friedberg bei Augsburg. In Freiburg studierte er Theologie. Sein hervorragendster Lehrer war Dr. Johannes Eck. Nach seiner Priesterweihe in Konstanz wirkte Hubmaier in Freiburg als Priester und Prediger. 1511 folgte er Dr. Eck nach Ingolstadt, promovierte bei Eck zum Doktor der Theologie, wurde Professor und Prorektor der Universit\u00e4t zu Ingolstadt. Gleichzeitig Pfarrer an der gr\u00f6\u00dften Kirche Zu Unserer Lieben Frau in Ingolstadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits 1516 \u00fcbernahm er das Amt des Dompredigers in Regensburg. Hier vertrat er eine scharfe antisemitische Haltung, beteiligte sich an einer Judenverfolgung und an der Zerst\u00f6rung der Synagoge. Aus unserer Sicht ist dies nur schwer verst\u00e4ndlich und nicht akzeptabel. Man ist leicht versucht, diesen Punkt unter den Teppich zu kehren &#8211; die Redlichkeit gebietet es indes, auch diese Tatsache nicht zu verschweigen. Ob er sp\u00e4ter seine antij\u00fcdische Meinung \u00e4nderte, ist nicht bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>An Stelle der zerst\u00f6rten Synagoge wurde eine Wallfahrtskapelle Zur sch\u00f6nen Maria gebaut. Hubmaier hat als leidenschaftlicher und mitrei\u00dfender Prediger die Wallfahrt gef\u00f6rdert und dem Stadtrat von Regensburg ein Verzeichnis der Wunder vorgelegt, die sich am neuen Wallfahrtsort ereignet haben. Ende 1520 verlie\u00df Hubmaier Regensburg. \u00dcber den Grund seines Weggehens gibt es verschiedene Deutungen. War es sein Kontakt zur lutherischen Lehre? Oder versuchte er, vor der Ende 1520 in Regensburg w\u00fctenden Pest zu fliehen? Letzteres gibt er selbst in einem Brief f\u00fcr den Grund seines Weggangs an. 1521 kam Hubmaier nach Waldshut und wurde Pfarrer an der oberen Pfarrei. Er suchte den Kontakt mit \u00d6kolampad (Schweizer Reformator in Basel) und Erasmus in Basel, dem Stadtarzt R\u00fcchard in Ulm und dem Arzt Adolphi in Schaffhausen, sowie seinem Freund Fabri in Konstanz, die alle Humanisten waren. Seit Sommer 1522 las er Luther und lie\u00df sich von ihm zur intensiven Besch\u00e4ftigung mit Paulus f\u00fchren. Ende 1522 wurde er wieder nach Regensburg in das Amt eines Wallfahrtspredigers berufen. Hier vertiefte er seine reformatorische Wandlung durch den Kontakt mit evangelisch Gesinnten. Bereits im M\u00e4rz 1523 kehrte er aber wieder nach Waldshut zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zum Zeitpunkt seiner R\u00fcckkehr nach Waldshut merkte man nichts von seiner Wandlung. Der Wunsch, freier wirken zu k\u00f6nnen, mag ihn nach Waldshut zur\u00fcckgef\u00fchrt haben. Er schloss Freundschaft mit Zwingli, dem Z\u00fcrcher Reformator, auch mit Grebel, R\u00f6ubli, Mantz und Blaurock, den sp\u00e4teren T\u00e4uferf\u00fchrern, mit denen ihn bald das Streben nach einer reinen Gemeinde, ohne staatliche Bevormundung, verband. So kam Waldshut immer mehr unter den Einfluss der schweizerischen Reformation.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Oktober 1523 beteiligte er sich als einziger Nichtschweizer an der Glaubensdisputation im Rathaussaal in Z\u00fcrich, und stellte sich mit seinen Disputationsbeitr\u00e4gen sichtbar auf Zwinglis Seite. Damit begann eine neue ereignisreiche Zeit in Waldshut. Es war unvermeidlich, dass diese Entwicklung nicht auch politische Konsequenzen f\u00fcr die Stadt hervorrief. Denn Waldshut lag in den katholischen habsburgischen Erblanden und war Innsbruck unterstellt. Darum war der Bruch mit der katholischen Lehre mit ganz anderen Gefahren verbunden, als f\u00fcr die Eidgenossen, die eine freie und selbst\u00e4ndige Stellung gegen\u00fcber dem Deutschen Reiche hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie gef\u00e4hrlich das f\u00fcr Waldshut war, wird uns erst voll bewusst, wenn wir uns die damalige Situation bewusst machen. Im Gefolge der Reformation suchten die verschiedenen Bekenntnisbewegungen das rechte Zeugnis zu formulieren von der Wahrheit und Geltungskraft der Offenbarung Gottes in Jesus Christus.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Bekenntnisformulierungen fanden auf lutherischer Seite 1530 in der Confessio Augustana ihr erstes bleibendes Dokument. Balthasar Hubmaier war da bereits als M\u00e4rtyrer gestorben. Charakteristisch f\u00fcr die damalige Zeit war jedoch nicht die Vertiefung des theologischen Bekenntnisses, sondern das Anwachsen zur Religionspartei als einer geistlich-weltlichen Macht, mit dem Ergebnis, dass die Konfessionen als m\u00e4chtige Bl\u00f6cke in einer gewaltigen Konfrontation quer durch Europa aufeinander prallten. Allenthalben in Europa dr\u00e4ngte das politische Leben \u00fcber die \u00fcberlieferten Formen. Das Politische gewann eine zuvor unbekannte Bedeutung und wurde zum Problem f\u00fcr die bestehende Hegemonie (Vorherrschaft, Vormachtstellung) der einzelnen Territorien im Deutschen Reiche. <\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Konfessionskonflikte sahen sich die einzelnen Dynastien bedroht. Politik und Religion hingen aufs Engste zusammen. Da die nichtkatholischen Konfessionen (Lutheraner, Reformierte, Spiritualisten und T\u00e4ufer) vom deutschen Kaiser nicht erlaubt waren, sondern unter die Reichsacht fielen, waren sie zu ihrer Sicherheit existenziell auf den Kofessionsstaat angewiesen, was zu geschlossenen Konfessionsstaaten f\u00fchrte: Protestantische und r\u00f6misch-katholische Staaten. Die Spiritualisten und die T\u00e4ufer waren durch ihr Gemeindeverst\u00e4ndnis des individuellen Bekenntnisses der Gemeindeglieder nicht in der Lage zu geschlossenen Konfessionsstaaten. So fielen sie besonders unter das Wormser Edikt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wormser Edikt Karls V. hatte 1521 dem p\u00e4pstlichen Bann gegen Martin Luther die Reichsacht folgen lassen und die evangelische Bewegung verboten. Auf dem Reichstag von Augsburg 1530 bestand der Kaiser immer noch auf der R\u00fcckf\u00fchrung der Protestanten in die r\u00f6misch-katholische Kirche. Dass es nicht zur gewaltsamen R\u00fcckf\u00fchrung kam, lag, wie schon beim Reichstag zu Speyer 1526, an den kriegerischen Auseinandersetzungen des Kaisers mit Frankreich, mit dem Papst in Oberitalien, sowie der T\u00fcrkengefahr vor Wien, wodurch er einerseits kr\u00e4ftem\u00e4\u00dfig gebunden war, andererseits aber auch das Geld der protestantischen Territorien brauchte. Dadurch kam es zu einer vorl\u00e4ufigen Duldung.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst der Religionsfriede von 1555 schuf eine rechtlich garantierte Koexistenz zwischen der R\u00f6misch-katholischen und der protestantischen Kirche. Ausgeschlossen blieben nach \u00a7 17 alle anderen Bekenntnisse. Erst mit diesem Religionsfrieden gab es das religi\u00f6se Freiz\u00fcgigkeitsrecht, das jedem Deutschen die freie Religionswahl zwischen r\u00f6misch-katholisch und protestantisch garantierte. Keine Geltung erlangte dieses Freiz\u00fcgigkeitsrecht in Karls V. eigenen Landen, also auch nicht in \u00d6sterreich unter K\u00f6nig Ferdinand, dem Bruder Karls V.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser kleine Exkurs in die deutsche Geschichte beweist den ungeheuren Mut der Waldshuter B\u00fcrger, aber auch die Aussichtslosigkeit ihres Bem\u00fchens um Religionsfreiheit, wie Balthasar Hubmaier forderte. Waldshut hatte mit dem Bekenntniswechsel den Kaiser herausgefordert, ohne einen Territorialstaat oder einen dem neuen Bekenntnis wohlgesonnenen F\u00fcrsten oder K\u00f6nig im R\u00fccken zu haben. Im Gegenteil, K\u00f6nig Ferdinand war des Kaisers Bruder und selber abh\u00e4ngig vom Kaiser.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits wenige Wochen nach der Oktoberdisputation (Okt. 1523) in Z\u00fcrich, am 15. Dezember 1523 verlangte \u00d6sterreich von der Stadt Waldshut die Auslieferung Hubmaiers an den Bischof von Konstanz. B\u00fcrgermeister und Rat lehnten diese Forderung ab mit dem Hinweis, dass eine solche Forderung gegen die Privilegien und Freiheiten der Stadt versto\u00dfe. Wenn ihr Pfarrer etwas verbrochen habe, dann m\u00fcsse er vor ihr Gericht gestellt und entsprechend verurteilt werden. \u00d6sterreich bestand weiter auf der Forderung, Hubmaier auszuliefern, was eine anti\u00f6sterreichische Stimmung in der Stadt immer mehr anheizte. \u00d6sterreich stellte der Stadt ein Ultimatum, das Pfingsten 1524 endg\u00fcltig ablief. Kurz vor Pfingsten f\u00fchrte Hubmaier nach dem Beispiel Z\u00fcrichs ein Religionsgespr\u00e4ch durch, bei dem er gegen die Bilder, Wallfahrten, Z\u00f6libat, Palm-, Kerzen- und Wasserweihe wetterte.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Pfingstsonntag 1524 wurden die B\u00fcrger der Stadt zusammengerufen. Im Verlauf der Versammlung wurde vorgeschlagen, Hubmaier auszuliefern. Aber da man sich nicht einigen konnte, wurden die Verhandlungen am Pfingstmontag fortgesetzt. Die Frauen zogen in diesem Streit, teilweise bewaffnet, zum Rathaus, und verlangten das Versprechen, dass Hubmaier in der Stadt bleiben d\u00fcrfe. Mit Feuereifer wurde der neuen Lehre zugestimmt. Hubmaier wurde von neuem zum Pfarrer gew\u00e4hlt; man versprach, ihn zu sch\u00fctzen und seine Widersacher aus der Stadt zu weisen. Damit war Waldshut protestantisch geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bereits dargelegt, war das politisch \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrlich. Waldshut hatte sich als erste Stadt der habsburgischen Lande der neuen Lehre zugewandt und trotzte dem ausdr\u00fccklichen Befehl Kaiser Ferdinands. In dieser gef\u00e4hrlichen Lage suchte Waldshut nach Bundesgenossen und fand sie in den aufst\u00e4ndischen Bauern von St\u00fchlingen. Obwohl geistesgeschichtlich v\u00f6llig verschiedenen Ursprungs vereinten beide Bewegungen ihre Kr\u00e4fte zum gemeinsamen Kampf. So verkn\u00fcpfte sich die Waldshuter Reformation mit dem Bauernaufstand, was nur eine Versch\u00e4rfung der Lage heraufbeschwor.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Stadt in der gr\u00f6\u00dften Not war, verlie\u00df Hubmaier am 1. September 1524 Waldshut und ging in das Kloster Allerheiligen in Schaffhausen, das Asylrecht hatte. Nach zeitgen\u00f6ssischen Berichten verlie\u00df Hubmaier die Stadt, damit niemand seinetwillen zu Schaden komme. Der Rat der Stadt habe dazu sein Einverst\u00e4ndnis gegeben, in der Hoffnung, dass dadurch die Stadt zu Ruhe und Frieden komme. Allerdings war das ein Trugschluss, denn anstatt ihn auszuliefern, wie der K\u00f6nig forderte, lie\u00dfen sie ihn laufen. Au\u00dferdem weigerte sich die Stadt, zum katholischen Glauben zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem am 10. September die St\u00fchlinger Bauern einen Vertrag mit dem Grafen von Lupfen geschlossen hatten, stand Waldshut ohne Verb\u00fcndete da. Trotzdem erfuhr die politische Lage pl\u00f6tzlich f\u00fcr Waldshut durch verschiedene Umst\u00e4nde, unter anderem durch \u00d6sterreichs milit\u00e4rische Schw\u00e4che und fehlender Hilfsmittel, eine Entspannung. Andererseits war Hubmaiers Aufenthalt in Schaffhausen durch den Druck \u00d6sterreichs fraglich geworden, so kehrte er bereits am 27. Oktober 1524 wieder nach Waldshut zur\u00fcck. Mit gro\u00dfer Begeisterung wurde er in der Stadt empfangen. In der Folge dieser Begeisterung kam es in den n\u00e4chsten Tagen zum Bildersturm in Waldshut. Wertvolles Kunstgut wurde vernichtet, was wohl nicht im Sinne Hubmaiers war, denn ein Jahr zuvor hatte er in seinem Reformprogramm festgelegt, dass man die Bilder usw. schlafen lege.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun kam ein Neues hinzu: in den Jahren 1522\/23 entstanden in der Schweiz infolge der Reformation Hausversammlungen mit Bibelstudium. Hier bildeten sich Laienf\u00fchrer heran, die die Bibel auslegen konnten und sich eine gewisse Redegewandtheit erwarben. Sie verbreiteten unter dem einfachen Volk Bibelkenntnis und den Wunsch nach der Gemeinde der Gl\u00e4ubigen ohne Bevormundung durch den Staat, nach dem Vorbild der Gemeinden im Neuen Testament. Nach anf\u00e4nglicher Einigkeit mit den Reformatoren gegen die Romanisten gab es dann doch sehr schnell Spannungen, weil sie die vollst\u00e4ndige Wiederherstellung des apostolische Christentums verlangten: Gemeinde der Gl\u00e4ubigen, Taufe auf das Bekenntnis des Glaubens. Sie forderten, dass man auf das langsame Vorgehen des Z\u00fcrcher Stadtrates keine R\u00fccksicht mehr nehmen sollte und wurden zum linken Fl\u00fcgel der Reformation. So war die erste T\u00e4ufergemeinde ein ureigenes Gew\u00e4chs der Z\u00fcrcher Reformation. Sie wurde zum Ausgangspunkt der gesamten T\u00e4uferbewegung. Die Gl\u00e4ubigentaufe r\u00fcckte dabei nur deshalb in den Vordergrund, weil hier am sichtbarsten zum Ausdruck kam, ob man eine auf Nachfolgebereitschaft und freiwilliger Mitgliedschaft beruhende Gemeinde anstrebte, oder ob man bei der durch obrigkeitliche Gewalt erzwungenen Einheit von Kirche und Territorium bleiben wollte. Von diesen Gemeinden war Hubmaier stark beeinflusst, und er besch\u00e4ftigte sich intensiv mit ihren F\u00fchrern.<\/p>\n\n\n\n<p>Im November 1524 kam Thomas M\u00fcnzer aus Th\u00fcringen f\u00fcr acht Wochen nach Grie\u00dfen in den Klettgau. Er zog durch die D\u00f6rfer und wiegelte die Bauern mit seinen eschatologischen Predigten auf, was f\u00fcr die bereits im Klettgau schwelenden Bauernunruhen \u00d6l ins Feuer war. M\u00fcnzer predigte auch in Waldshut in der Oberen Kirche und f\u00fchrte mit Hubmaier Gespr\u00e4che, der sich aber nicht von M\u00fcnzers revolution\u00e4rer Apokalyptik anstecken lie\u00df. Im Januar 1525 zogen nun die Klettgauer Bauern in Waldshut ein, das ihnen Unterst\u00fctzung zusagte, und deren Forderungen von Hubmaier unterst\u00fctzt wurden. Dadurch wurde die Waldshuter Reformation erneut mit der sozialrevolution\u00e4ren Bewegung verflochten. Diese Verbindung des Religi\u00f6sen mit dem Politischen kennzeichnet Waldshuts kurze Reformationsgeschichte. Bereits in Regensburg opponierte Hubmaier gegen den Kaiser, auch in Waldshut war er der Kern des Widerstands gegen den Kaiser.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon vor M\u00fcnzers Ankunft im Klettgau, hatte Hubmaier, wie bereits erw\u00e4hnt, Kontakt zu den T\u00e4ufern aus Z\u00fcrich. Sie gingen hervor aus Hauskreisen, die Gemeinden der wirklich Gl\u00e4ubigen und Geheiligten verwirklichen wollten, und seit 1524 die Glaubenstaufe verfochten. Zwinglis Einschreiten gegen die Taufgesinnten bewirkte eine au\u00dferordentlich rasche Verbreitung des T\u00e4ufertums. Die bedeutendsten T\u00e4uferf\u00fchrer in der Schweiz waren Felix Mantz, Wilhelm R\u00f6ublin, Konrad Grebel und Georg Blaurock. Die T\u00e4uferf\u00fchrer Grebel und R\u00f6ublin besuchten Hubmaier und wollten ihn f\u00fcr die Glaubenstaufe gewinnen. So entstand in Waldshut ein Zentrum. In Hubmaiers Haus versammelten sich die Abgesandten, die 1524 eine Erkl\u00e4rung \u00fcber Glauben und Kirchenordnung beschlossen. Hubmaier scheint von den T\u00e4ufern in seiner Auffassung von der Taufe und von Karlstadt in der Lehre vom Abendmahl beeinflusst worden zu sein. Der Gefahr seiner Auslieferung an K\u00f6nig Ferdinand begegnete er mit der Schrift Von Ketzern und ihren Verbrennern.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einen erfolglosen Gespr\u00e4ch in Z\u00fcrich kam es zum Bruch mit Zwingli durch Hubmaiers Taufe. Ostern 1525 war Wilhelm R\u00f6ublin in Waldshut, um zu predigen und zu taufen. Bereits im Januar hatte R\u00f6ublin einige in Waldshut getauft. Nun lie\u00dfen sich Hubmaier und sechzig Mitglieder der Gemeinde taufen. <strong>Als Hubmaier die Glaubenstaufe als sichtbares Zeichen der wiederhergestellten christlichen Gemeinde annahm, trat er als Priester zur\u00fcck und wurde sofort von der Gemeinde als Prediger wiedergew\u00e4hlt. Das ist ein h\u00f6chst bedeutsamer Punkt in der T\u00e4ufergeschichte, denn er bezeichnet den Grundsatz von der Autonomie der Ortsgemeinde, der auch heute noch in den taufgesinnten Gemeinde Geltung hat.<\/strong> Vom fr\u00fchen Zwingli hatte Hubmaier die Auffassung \u00fcbernommen, die Kirche bestehe sowohl als allgemeine Kirche wie auch als Ortsgemeinde. Beide seien sichtbar auf ein klares Glaubensbekenntnis gegr\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits in den Ostertagen folgten in Waldshut weitere 300 Erwachsene dem Beispiel Hubmaiers und lie\u00dfen sich auf das Bekenntnis ihres Glaubens von Hubmaier taufen. Hubmaier taufte durch Begie\u00dfen mittels eines Melkeimers, das Wasser wurde aus dem oberen Stadtbrunnen geholt. Nach der Taufe lie\u00df Hubmaier die Taufsteine der beiden Kirchen in den Rhein werfen, um damit zu symbolisieren, dass es von nun an keine Kindertaufe mehr in Waldshut gebe. Von da an gab es in Waldshut Katholiken, Evangelische und T\u00e4ufer. In der Schweiz waren kleine Gemeinde, meist Hauskreise entstanden. In Waldshut wurde eine ganze Kirchengemeinde fast als Ganzes f\u00fcr das T\u00e4ufertum gewonnen. Das versch\u00e4rfte den Bruch mit K\u00f6nig Ferdinand und dem Kaiser.<\/p>\n\n\n\n<p>Waldshut war zu einem Zentrum der T\u00e4ufer geworden. \u00dcberall f\u00fchrten die T\u00e4ufer von den Zentren ihrer Gemeinden eine umfangreiche missionarische Arbeit aus. So war Waldshut unter Hubmaier ein bedeutender Mittelpunkt der T\u00e4ufer und Ausgangspunkt konzentrierter Missionsunternehmungen. F\u00fcr etwa acht Monate stand Waldshut im Zeichen des T\u00e4ufertums. Die Sammlung freiwilliger religi\u00f6ser Gemeinschaften (Freiwilligkeitskirche) durch die Verk\u00fcndigung eines frei und umfassend verstandenen Evangeliums, besiegelt durch die Taufe der Gl\u00e4ubigen, war eine Herausforderung f\u00fcr das r\u00f6mische Reich und eine Bedrohung des Protestantismus. Von daher war die kirchliche Isolierung Waldshuts, abgesehen von den kleinen, politisch unbedeutenden T\u00e4ufergruppen in der Schweiz, vollkommen. Ohne Freunde standen sie da. Hinzu kamen noch Streit in der Waldshuter T\u00e4ufergemeinde wegen der Einstellung der Christen zum Gebrauch des Schwertes. Im Unterschied zu den Schweizer T\u00e4ufern und den Hutterern, die jede Gewaltanwendung ablehnten, hatte Hubmaier keine Bedenken, zum Schwert zu greifen, um das Christentum zu verteidigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hubmaiers Laufbahn in Waldshut und das Leben der T\u00e4ufergemeinde in Waldshut wurden durch die Ankunft \u00f6sterreichischer Truppen j\u00e4h beendet.. Hubmaier entkam am 5. Dezember 1525 in einem Weidling \u00fcber den Rhein. Seine Frau, eine Elsbeth H\u00fcgline aus Graub\u00fcnden, die er im Januar ohne weitere kirchliche Formalit\u00e4ten geheiratet hatte, blieb zun\u00e4chst in Waldshut. Hubmaier suchte Unterschlupf bei den T\u00e4ufern in Z\u00fcrich, wurde aber sehr schnell entdeckt und verhaftet. Er verbrachte kurze Zeit im Gef\u00e4ngnis in Z\u00fcrich und zog Anfang 1526 nach Nikolsburg in M\u00e4hren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schweizer T\u00e4ufer und auch die Hutterer Br\u00fcder in M\u00e4hren, sie gehen zur\u00fcck auf Jakob Huter aus Tirol, der mit T\u00e4ufern aus Tirol Zuflucht im M\u00e4hren fand (die Tiroler T\u00e4ufergemeinden waren von den Z\u00fcrcher T\u00e4uferf\u00fchrern gegr\u00fcndet worden), zu denen sp\u00e4ter Hubmaier fl\u00fcchtete, haben von Anfang an die Revolution\u00e4re verurteilt und sich von Gewaltanwendung losgesagt. Hubmaier dagegen war anderer Ansicht. Der Chronist K\u00fcssenberg berichtet, Hubmaier habe am Unteren Tor mit einem Schlachtschwert Wache gestanden.<\/p>\n\n\n\n<p>In Nikolsburg f\u00fchrte er die T\u00e4uferreformation durch, wie in Waldshut mit der dortigen Obrigkeit, weil er sie im Gegensatz zu dem T\u00e4uferf\u00fchrer Hans Hut, im Gebrauch des Schwertes gegen die T\u00fcrken unterst\u00fctzte. Ende 1526 wurde jedoch Erzherzog Ferdinand auch K\u00f6nig von B\u00f6hmen und durch Erbschaft Markgraf von M\u00e4hren. Genau ein Jahr nach seiner Ankunft in M\u00e4hren wurde Hubmaier verhaftet und nach Wien gebracht, wo er am 10. M\u00e4rz 1528 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Zuvor schrieb er noch seine Rechenschaft meines Glaubens, lehnte aber einen Widerruf ab. Seine Frau wurde in der Donau ertr\u00e4nkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch seine vielen Schriften wirkte Hubmaier weit \u00fcber seinen M\u00e4rtyrertod hinaus. Er war der bedeutendste Schreiber der T\u00e4ufer. Theologisch nahm er unter den T\u00e4ufern eine Sonderstellung ein, weil er sowohl der Obrigkeit als auch dem einzelnen Christen das F\u00fchren des Schwertes zugestand. Diese Sonderstellung wirkte sich in der Praxis seiner Reformationsarbeit aus. Durch mehrere Streitgespr\u00e4che mit Hans Hut in Nikolsburg spaltete er die m\u00e4hrischen T\u00e4ufer in Schwertler und St\u00e4bler.<\/p>\n\n\n\n<p>Hubmaiers erste Schrift ist der erste T\u00e4uferdruck \u00fcberhaupt. Sie ist den drei Gemeinden Regensburg, Ingolstadt und Friedberg gewidmet. Er nimmt darin Abschied von seiner Vergangenheit und fordert seine fr\u00fcheren Gef\u00e4hrten auf, ihm auf dem neuen Weg zu folgen. Die Schrift handelt von der Bu\u00dfe in vier Stufen: <\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"1\"><li>S\u00fcndenerkenntnis<\/li><li>Reue und Heilserfahrung<\/li><li>\u00d6ffentliche Verpflichtung in der Taufe mit Bereitschaft zur Kirchenzucht<\/li><li>Evangelisation, Kreuz und gute Werke als Fr\u00fcchte der in der Kraft Gottes gewirkten Bu\u00dfe<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Das Abendmahl dient uns schwachen Menschen der immer wieder notwendigen Erinnerung an Christi Heilstat. In M\u00e4hren verfasste er noch 18 Schriften. In zwei Werken schreibt Hubmaier ausf\u00fchrlich \u00fcber die Gemeindezucht, konnte sie jedoch in seiner Gemeinde in Nikolsburg nur unvollst\u00e4ndig durchsetzen. Er wehrte sich auch gegen den strengen Kommunismus der Hutterischen Br\u00fcder. An die Obrigkeit schrieb Hubmaier, er kenne keine andere Reihenfolge als 1. Predigen, 2. Glauben, 3. Taufe. Er berief sich dabei auf Matth\u00e4us 28,19. Darum gehet hin und machet zu J\u00fcngern alle V\u00f6lker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.<\/p>\n\n\n\n<p>Hubmaier war die hervorragendste Pers\u00f6nlichkeit unter den T\u00e4ufern, der seine Zuh\u00f6rer zu begeistern wusste, so dass sie ihm auch in politisch gef\u00e4hrliche Situationen folgten. Seiner Veranlagung nach war er eine F\u00fchrernatur, ein volkst\u00fcmlicher Prediger, der sowohl in Regensburg als auch in Waldshut an der Spitze religi\u00f6ser Volksbewegungen stand.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verfasst von Wolfgang Burk, Pastor i.R. Die Einf\u00fchrung der Reformation in Waldshut ist unl\u00f6sbar mit Balthasar Hubmaier, dem einst katholischen Pfarrer an der Oberen Kirche verbunden. Etwa im gleichen Alter wie Luther und Zwingli hatte er bereits eine beachtliche Karriere hinter sich, als er, 35 Jahre alt, nach Waldshut kam. 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